Irynka: „ Ich habe keine Mama.“

Von Olha Samborska

Übesetzerin: Zoryana Svystovych

Aus http://ukrajinciberlinu.wordpress.com

Die Zeit heilt alle Wunden. Erinnerungen verblassen.

Den Fall von Ina K. zu vergessen, über die ich in der vergangenen Zeit schrieb, war unmöglich. Der Alltag dämpfte den Schmerz über den Verlust der jungen 27-jährigen ukrainischen Schwarzarbeiterin ein, doch an dessen Stelle trat und verstärkte sich der Schmerz für ihre Tochter Irinka und ihre Familie, die sie in der Ukraine zurückgelassen hatte.

Ihr junger Mann Boris muss jetzt mit dem gemeinsamen vierjährigen Kind und dem frühen Tod seiner Frau klar kommen. Er muss jetzt alleine für die Zukunft seiner Tochter sorgen.

Von Zeit zu Zeit sprach ich telefonisch mit Boris. Ich habe gespürt, dass die Verantwortung für seine Tochter ihn fest auf den Beinen hält. Er realisiert, dass er jetzt für zwei arbeiten muss.

Am 18.Mai 2010 ist es ein Jahr her, dass Ina gestorben ist.

Ich fuhr zu dieser Zeit in die Ukraine, um Irinka, Boris und ihre Familie zu besuchen.

Meine nun folgende Reportage handelt von dieser Reise:

Das Dorf Ustechko ist eine Perle des ukrainischen Gebietes Podillya. Der Fluss Dnister schlängelt sich wie eine Lagune zwischen den malerischen Ufern der Ternopel Region entlang.

Diese Schönheit verlässt man nur im Notfall. Hier herrscht Ruhe und Frieden.

Genauso friedlich und ruhig fließt der Dnister. Und ebenso ruhig und friedlich sind dort auch die Menschen. Wärme und Liebe empfängt mich in Ustechko. Von Irinkas Familie wurde ich aufgenommen, als würden wir uns schon unser ganzes Leben lang kennen. Das tragische Schicksal verband Berlin und Ustechko.

In Berlin haben die Bedingungen der illegalen Existenz Inas Gesundheit zerstört. In Ustechko haben die Magenkrebsmetastasen das junge Leben endgültig beendet.

„Wenn Ina dort die Möglichkeit gehabt hätte, medizinisch versorgt zu werden und sich legal aufzuhalten, dann wäre sie heute noch am Leben und alles wäre gut.“, sagt Boris schmerzvoll.
Das “wenn” war das zentrale Element unserer gesamten Kommunikation. Wenn Ukrainer in der Ukraine normal Geld verdienen könnten, wenn junge, engagierte Leute mit ihren Händen und ihrem Intellekt ihren Lebensunterhalt selbst verdienen könnten, wenn sie auch legal im Ausland Geld verdienen könnten … wenn, wenn, wenn…

Das Schwierigste „wenn“ ist: „Wenn Irinka ihre Mutter wieder haben könnte.“

Boris gab zu, dass für ihn der Kindergarten am schwierigsten ist. Wenn die anderen Mütter ihre Kinder in den Kindergarten bringen, wird Irinka nur von ihrem Vater gebracht. Die Kinder fragen Irinka: „ Wo ist deine Mama?“ Und sie antwortet stark: „ Ich habe keine Mama.“

Keiner weiß, was dieses kleine Herz in diesem Moment fühlt. Wir wissen nur, dass Irinka glaubt, dass ihre Mutter bald wieder kommt. Für sie ist sie nicht gestorben.

Einige Zeit nach der Beerdigung gab es eine Hochzeit im Dorf. Die Braut lief im weißen Hochzeitskleid durch das Dorf. Irinka beobachtete dieses Geschehen und rannte plötzlich schreiend auf die Braut zu: „Mama!“ Es schien als ob sie sich daran erinnerte, wie ihre Mutter für ihren letzten Weg ein weißes Kleid anhatte. Dieses Bild hat sie nicht vergessen.

Am 18. Mai 2010 gedachte die ganze Familie des einjährigen Todestages von Ina. Die Gedenkmesse wurde in der Dorfkirche abgehalten. Die Großmutter sagte zu Irinka, dass sie jetzt zur Kirche gehen werden, wo sie sich an ihre Mutter erinnern werden.

„Und kommt Mama auch?“, fragte Irinka. Das Kind wartet auf ihre Mutter.

Auf ihre Mütter warten auch die Abiturienten. Zufällig kam ich an ihrer Abschlussfeier im Dorf vorbei. Viele Mütter der Abiturienten konnten nicht dabei sein. Von 80 Schülern arbeiten 12 Eltern illegal im Ausland. Auch wenn diese Eltern legal arbeiten würden, die Kinder brauchen trotzdem ihre Liebe. Die Direktorin der Schule erzählt, dass die Eltern versuchen, ihre Kinder telefonisch oder durch das Internet zu erziehen. Und manche helfen ihnen sogar bei den Hausaufgaben. Die Großeltern beklagen sich, dass es für sie sehr schwierig ist, die Jugend zu erziehen. „Die Eltern müssen bei den Kindern sein.“, sagte eine Großmutter einer Abiturientin, deren Mutter nicht zur Abschlussfeier kommen konnte.

Tausende Kinder in der Ukraine warten auf ihre Mutter. Zu manchen kehren die Mütter nie wieder zurück. Zu anderen kommen sie wahrscheinlich zurück, nachdem sie genug verdient haben. Aber die dadurch entstandene Kluft zwischen den Kindern und den illegal arbeitenden Eltern wird nie verschwinden. Diese Lücke können auch die Großeltern nicht auffüllen.

Die Kinder in der Ukraine wissen, dass ihre Eltern sich um fremde ausländische Kinder kümmern. Die ausländischen Kinder fangen langsam an, die ukrainische Sprache zu sprechen und weinen, wenn ihre Erzieherinnen in die Ukraine zurückkehren.

Wenn die Erzieherinnen krank werden, gehen sie nur selten zum Arzt, denn ukrainische Schwarzarbeiter haben in Deutschland keinerlei Rechte- schon gar nicht auf medizinische Versorgung. Deshalb ist Ina nicht zum Arzt gegangen. Und deshalb hat Irinka keiner Mutter mehr.

Postscriptum.

Ich bot Borys eine Bank-Konto für Irynka aufzumachen, dass die Möglichkeit gibt für Irynka Geld zu überweisen von jemanden, der die Verantwortung für die Kindern, deren Eltern in der Migration gestorben sind, hat.

Hier ist die Bank Verbindung in der Ukraine:

2620155728089(06355/0000)398091
SIUSIAJLO BORYS ANDRIJOVYCH
ZALISCHYTSKYY R-N, VIL. USTECHKO
Bank reciever: 947057610

JSC “STATE SAVINGS BANK OF UKRAINE”
KYIV
SWIFT: COSBUAUK BRANCH ZALISCHYKY
Korresp.: Deutsche Bank AG Frankfurt am Main
SWIFT: DEUDEFF

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