Das Gedenken an den Nationalistenführer Stepan Bandera spaltet die Ukraine

Nationalheld oder Nazi-Scherge?
Das Gedenken an den Nationalistenführer Stepan Bandera spaltet die Ukraine
von Björn Jungius (Text) und Oleksiy Kachmar (Fotos)
1_Lviv

I.

Keine Gedenktafel befindet sich am Haus Nr. 7. Es ist ein hässlicher Nachkriegsbau, jetzt ein wenig freundlicher, weil sonnenbeschienen, gelegen in der Kreittmayrstr., einer kurzen, trotz Zentrumslage eigentümlich peripher wirkenden Nebenstraße in der Münchener Maxvorstadt. Eine Müllabfuhr sammelt die Tonnen ein, ein Mädchen kommt, Brezel mampfend aus der benachbarten Bäckerei. 3_LvivDann wieder absolute Ruhe und Sonnenschein. Nichts deutet darauf hin, dass ausgerechnet hier einer der spektakulärsten politischen Morde der frühen deutschen Nachkriegsgeschichte verübt wurde.

Am 15. Oktober 1959 liegt im Treppenhaus des Hauses Nr. 7 der leblose Körper eines 1,54 Meter kleinen, nahezu kahlköpfigen Mannes im besten Alter. Bei der Obduktion des Leichnams finden sich Zyankali-Spuren. Zwei Jahre rätselt die Mordkommission. Dann stellt sich ein junger Mann dem amerikanischen Geheimdienst in Westberlin, bettelt förmlich um seine Verhaftung. Er bezichtigt sich des Mordes – jenes mysteriösen Mordes in der Kreittmayrstr. Man hält ihn für einen durchgeknallten Wichtigtuer. Doch zu genau erklärt er die Planung und Ausübung der Tat, beschreibt er das Mordwerkzeug: Eine Blausäurepistole, eine Waffe wie aus einem James Bond Film. Der junge Mann, 28 Jahre alt, ist der ukrainischstämmige KGB-Agent Bohdan Staschynskij. Seine Liebe zu einer ostdeutschen Frau hat ihn an seiner Agententätigkeit zweifeln lassen, zugleich Misstrauen bei seinen Moskauer Vorgesetzten erregt. In Todesangst übergibt er sich der Obhut der Westbehörden.6_Lviv

Sein Opfer: Stepan Bandera, Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und Symbolfigur des langen und blutigen Kampfes für eine unabhängige Ukraine. 50 Jahre war er, als Staschynskij ihn ermordete und seit fast genau fünfzig Jahren liegt er auf dem Münchener Waldfriedhof begraben, unter einem großen schneeweißen Marmorkreuz auf dem sein Name in kyrillisch und darunter auf deutsch zu lesen ist: Stepan Bandera. Am Grab herrscht tiefe Ruhe, Verkehrschaos und Großstadtgetöse sind weit weg, die sandige Allee liegt im Wechselspiel von Licht und und Schatten. Bandera? Die Passanten, die gemessen die Allee entlang flanieren, können mit dem Namen nichts anfangen.

Wie anders ist das in seinem Heimatland, der Ukraine. Hier kennt ihn jeder. Doch es ist eine zweischneidige, eine explosive Bekanntheit. Bandera? In der Ukraine provoziert der Name umgehend leidenschaftliche, kontroverse Stellungnahme. Keine andere Figur der jüngeren Geschichte polarisiert mehr. Im Westen ist er ein Nationalheld, im Laufe der letzten Jahren noch im abgelegensten galizischen Dorf als Denkmal aufgestellt. Schon in Kiew jedoch, und erst recht weiter östlich und südlich sieht man in ihm nachgerade die Verkörperung des Bösen: einen Bandit und Vaterlandsverräter. Und noch schlimmer: Einen Mörder, Faschist, Nazi-Schergen. Ein Bandera-Denkmal? Hier wäre es undenkbar.14_StaryyUhryniv

Woher dieser Gegensatz? Und vor allem: Wie geht das Land mit dieser geteilten Erinnerung um? Bevor die Reise in die Ukraine geht, von Lwiw nach Tscherkassy ins geographische Herz des Landes, empfiehlt sich auf der Suche nach Anhaltspunkten ein erster Blick in Banderas Biographie. Und sofort beginnen die Schwierigkeiten: Denn so sehr sich die Bewertung von Banderas Leben und Taten zwischen Extremen bewegt, so sehr steht die Aufarbeitung der Figur und der mit ihr untrennbar verbundenen historischen Ereignisse erst am Anfang – 45 Jahre einseitige, sowjetische Geschichtsschreibung werfen einen langen Schatten.

II.

Eine Möglichkeit der Annäherung: Der Dokumentarfilm „Preis der Freiheit“, produziert vom staatlichen ukrainischen Fernsehsender UT1 im Jahre 2008. Bekannte zeitgenössische ukrainische, aber auch polnische und amerikanische Historiker kommen darin zu Wort. Ein Mosaik verschiedener Meinungen. Eine anderthalbstündige Tour de Force durch Banderas Leben und seine Zeit, nach dessen Studium man zumindest in einigen Punkten klarer sieht: Am 1. Januar 1909 wurde Bandera geboren, in dem kleinen westukrainischen Dorf Stary Uhryniw, etwa 80 Kilometer südlich von Lwiw. Hier wuchs er auf, als Sohn eines griechisch-katholischen Priesters, in jener Ecke Ostgaliziens, die nach Ende des Ersten Weltkrieges für kurze Zeit Teil der unabhängigen westukrainischen Volksrepublik war und die dann nach kurzer Vereinigung mit der Ukrainischen Volksrepublik im Osten infolge des ukrainisch/sowjetisch-polnischen Krieges ans neugeschaffene Polen fiel. Man drückt die Stopptaste, atmet durch ahnt wie kompliziert die Dinge noch werden. Erinnert sich der Worte des ukrainischen Literaten und Revolutionärs Wolodimir Winnitschenko: ohne Brom kann man die ukrainische Geschichte nicht lesen.

Fest steht: Banderas Mutter starb früh, sein Vater, überzeugter Nationalist und politisch aktiv, war wichtiger früher Einfluss. Von Kindesbeinen an verkehrter er in ukrainisch-nationalistischen Jugendorganisationen – das Denken hier war geprägt vom Verlust der Unabhängigkeit und der minderheitenfeindlichen Politik der Polen. Traum und Ziel der jungen Aktivisten: Das Wiedererlangen der Eigenstaatlichkeit, die Loslösung der ukrainisch besiedelten Gebiete (Ostgalizien, Wolhynien) aus dem polnischen Saat. Mit Anfang zwanzig war Bandera schon wichtiger Mann der OUN, hatte sich dem bewaffneten „nationalen Befreiungskampf“ verschrieben. Kein Denker, kein großer Redner, ein Mann der Tat: Radikal, kompromisslos, opferbereit. Er war 25 als er verhaftet, zunächst zum Tode, dann zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurde  – als Drahtzieher der Ermordung des polnischen Innenministers, umgebracht wegen seiner repressiven Maßnahmen gegen die ukrainische Nationalistenbewegung. Seinen Prozess nutzte der junge Bandera als große Bühne. Standhaft weigerte er sich im Gerichtssaal polnisch zu sprechen und beantwortete alle Fragen auf ukrainisch – weshalb er wiederholt des Saales verwiesen wurde.

Und doch war seine Karriere eigentlich schon vorbei. Bis er, völlig unverhofft, mit der Zerschlagung Polens durch den Hitler-Stalin-Pakt 1939 wieder auf freien Fuß kam. Sofort setzte er seine politische Tätigkeit fort. Neuer Hauptfeind: die Sowjetunion zu deren Territorium die Westukraine nun zählte. Nach der Devise „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ erblickte Bandera in den Nazis einen Partner im antisowjetischen Kampf – und diese in ihm. Hier beginnt der kontroverseste – von Ideologie und Propaganda verzerrte – und historisch noch nicht abschließend erforschte Teil der Geschichte. War es auch eine ideologische Partnerschaft? Waren die Männer um Bandera – außer radikalen Antibolschewisten, ebenso auch überzeugte Antisemiten? Oder war das nur Sowjetpropaganda? Zumindest von Banderas engem Vertrauten Jaroslav Stetsko sind jedenfalls radikal antisemitische Äußerungen belegt.

Fest steht: Als die deutsche Wehrmacht im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel marschierten in ihrem Rücken auch die – von Wehrmacht und Abwehr (aus-)gebildeten – ukrainischen Bataillone „Nachtigall“ und „Roland“. Die Nazis wollten diese Hilfstruppen im Kampf gegen sowjetische Partisanen hinter der Frontlinie einsetzen. Bandera sah in ihnen den Nukleus einer ukrainischen Armee, unabdingbar für die Unabhängigkeit an der er eisern festhielt. Tatsächlich geschah gleich nach dem Einmarsch in Lwiw etwas für die Nazis völlig Unerwartetes – die Ukrainer proklamierten eigenmächtig ihre Unabhängigkeit. Zeitgleich spielte sich in der Stadt ein erster schrecklicher Pogrom ab, dessen Anstifter und Täter – insbesondere auch die Verstrickung und Beteiligung der organisierten ukrainischen Nationalisten – noch nicht abschließend erforscht sind.

Fest steht aber auch – den Ukrainern war letztlich, wie allen Slawen, in den Plänen der Nazis nichts weiter als die Rolle eines „rassisch minderwertigen“ Sklavenvolkes zugedacht. So lösten die Nazis, an einer unabhängigen Ukraine überhaupt nicht interessiert, die ukrainischen Batallione augenblicklich auf, Bandera-Anhänger wurden exekutiert. Bandera selbst kam in den Zellenbau des KZ Sachsenhausen – an allem was fortan in der Westukraine passierte war er persönlich nicht mehr beteiligt. An der Gründung der ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) zum Beispiel. Die hochorganisierte und schlagkräftige Untergrundarmee focht unter Führung von Banderas frühem Mitstreiter Roman Schuchewytsch ab 1942 einen blutigen, aussichtslosen Krieg an vielen Fronten: Gegen die Deutschen, gegen sowjetische Partisanen und gegen Einheiten beider polnischen Untergrundarmeen. Längst waren Ostgalizien und Wolhynien chaotisches, grausames Schlachtfeld. Schauplatz eines mörderischen deutschen Besatzungsregimes, des Massenmordes an Juden, teilweise auch mit ukrainischer Komplizenschaft. Hinzu kamen Gemetzel von Ukrainern an Polen und umgekehrt – insbesondere im Jahr 1943 werden der UPA in Wolhynien schwerste Übergriffe auf die polnische Zivilbevölkerung mit zehntausenden von Todesopfern zur Last gelegt.

Und schließlich: Nach dem Rückzug der Deutschen focht die UPA in der Westukraine ihren Unabhängigkeitskampf bis in die 50er Jahre hinein verbissenen und blutig weiter. Ziel des Terrors war jeder, der in irgendeiner Form den neuen Sowjetstaat repräsentierte – zum Beispiel auch die jungen Lehrerinnen und Lehrer, die aus der östlichen Ukraine in den Westen geschickt worden waren um dort zu unterrichten und dann erschossen wurden. Bandera selbst blieb im deutschen Exil – in der Sowjetunion mittlerweile in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Der Film ist vorbei und eines lässt sich bereits festhalten. Wie im Brennglas bündelt sich im Namen Bandera die unterschiedliche Kriegserfahrung der ukrainischen Regionen – während die Westukrainer während des Krieges meist in der UPA kämpften, fochten die Ostukrainer in der Roten Armee oder bei den Sowjetpartisanen. Nach dem Krieg bekämpften sie sich gegenseitig. Veteranen beider Seiten erinnern sich daran bis heute.

III.

Die Zeit um den 9. Mai ist vielleicht die schönste Jahreszeit, um Lwiw zu besuchen – an den Nationalfeiertag schließen sich nahtlos die Lwiw-Tage, die Stadt feiert sich selbst und von der Ploschtscha Rynok, dem historischen Markt, bis zum Prospekt der Freiheit flanieren Menschentrauben, schwatzen auf ukrainisch, Live-Musik von mehreren Straßenbühnen klingt durch die Straßen, die ganze Stadt ist auf Achse. Mitten im Getümmel die Andenken- und Souvenirhändler, deren Stände überquellen mit patriotischen Devotionalien: Blau-gelbe Fähnchen, gleich daneben die rot-schwarzen Fähnchen der UPA, und überall Bandera: Da sind die T-Shirts und Poster mit Aufdrucken seines wohl bekanntesten Portraits – Mitte 20 ist er hier vielleicht: Geheimratsecken, vorstehende Oberlippe, stechender Blick. Und selbst zwischen die schrillen Buttons von Sponge Bob, Tokio Hotel und der populären russischen Popsängerin Glukoza hat sich sein Konterfei geschmuggelt.

Ein wenig hinter dem Prospekt der Freiheit, schon abseits des Trubels, beginnt die Bandera Straße an deren Ende sich das neue, 2007 eingeweihte Bandera-Denkmal befindet. In Bronze gegossen erhebt sich eine gewaltige Statue vor der (einst polnisch-katholischen) Elisabeth-Kirche. 4 Meter hoch, darunter 3 Meter Granitsockel, dahinter ein 30 Meter hoher Triumphbogen mit goldenem ukrainischem Dreizack. Vor dem Denkmal liegen Kränze, geschmückt mit wetterfesten blau-gelben Plastikrosen und gleichfarbigen Schleifen, gewidmet „Dem Nationalhelden der Ukraine“ und „Dem Führer der UPA“. Es fällt sofort auf: Aus der Ferne könnte der neue Bandera leicht als ein dem Abriss entgangener Lenin durchgehen.

Warum überall Bandera? Fragen wir zunächst die, die sein Andenken pflegen. „Bandera hat uns gelehrt, dass wir nicht nur ein Haufen Lemken, Bojken oder Ruthenen sind, sondern eine ukrainische Nation, mit unserem eigenen, unveräußerlichen Recht auf einen ukrainischen Staat“, sagt zum Beispiel Mikola Posiwnych, 28. Der junge Mann arbeitet für das Verlagshaus Litopys UPA, das Quellen und Memoiren über die Geschichte der UPA veröffentlicht. Das Verlagshaus wurde 1972 von UPA-Veteranen in der kanadischen Diaspora gegründet; heute bemüht es sich Bandera und den Kampf der UPA ukraineweit zu popularisieren.  Der Mythos Bandera, sagt Posiwnych, sei weniger ein Personenkult als vielmehr Ausdruck des eigenen Bewusstseins: „Wir sind Banderiwci, so hat uns die Sowjetpropaganda genannt. Lwiw ist Banderstadt.“

Oder Stepan Lesiw, 34, Museumsdirektor des im Jahre 2000 in Stary Uhryniw neu eröffneten Bandera-Museums: „Bandera ist das Symbol unseres Kampfes für nationale Identität. Er ist unser Held. Eigentlich sollte er in Kiew begraben sein, doch leider sind die Umstände dafür nicht günstig.“ Dann berichtet er wie im Oktober 1989 die ersten Versuche unternommen wurden, Banderas in Stary Uhryniw zu gedenken: Polizei füllte die kleinen Dorfstrassen, es war gefährlich, der Gedenkmarsch wurde zur direkten Herausforderung der sowjetischen Staatsgewalt. „Die ersten beiden Bandera-Statuen, die hier noch vor der formalen Unabhängigkeit errichtet wurden, haben maskierte Unbekannte zerstört. Bei dem Sprengstoffanschlag auf das zweite Denkmal im Juli 1991 wurde einer der jungen Bewacher schwer verletzt. Er ist seitdem Invalide“, erklärt Lesiw. Er verdächtigt den sowjetischen Geheimdienst, die Attentate verübt zu haben.

Und selbst die beiden Schuljungs auf der Dorfstraße vor dem Museum sagen brav: „Bandera hat für die Freiheit der Ukraine gekämpft.“

Der blühende Devotionalienhandel, das monumentale Denkmal, das Dorfmuseum – all dies sind Stücke im komplizierten Puzzle eines regen nationalen Selbstfindungsprozesses in der Westukraine. Die Menschen suchen die Abgrenzung von Russland – und erinnern sich nicht der gemeinsamen sowjetischen Vergangenheit, sondern des Widerstandes dagegen. Als Symbol ist Bandera dazu bestens geeignet – wohl auch, weil ihn die Sowjetpropaganda über alle Maßen verteufelte. So ist Bandera Teil des großen nation-building Projekts. Die neue öffentliche Gedenkkultur in der Westukraine ist dabei ein höchst komplexes Produkt: Findige Devotionalienverkäufer und UPA-Themenkneipenbesitzer tragen dazu bei. Und nationalistische Initiativen wie diejenige die sich für das Bandera-Denkmal engagierte. Juschenkos Präsidentschaft schließlich hat die ukrainische Identitätspolitik auf höchster Ebene zum Staatsprojekt gemacht. Zwangsläufig ist sie untrennbar verbunden mit der Umdeutung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Scharf richtet sie sich gegen das zu Sowjetzeiten einseitig tradierte Bild von der Roten Armee als Befreier der ukrainischen Gebiete.

Erstaunlich ist: Das dahinter stehende nationale Geschichtsbild, obgleich radikaler Gegenentwurf zur Sowjetgeschichte, weist bei näherer Betrachtung ausgesprochene Ähnlichkeiten auf. Angesprochen auf die Übergriffe der UPA auf polnische Zivilisten wird Herr Lesiw emotional. Ja, es habe Vorkommnisse gegeben, schliesslich war Krieg. Doch die Gräuelgeschichten entbehrten jeder Grundlage – vielmehr hätten Kämpfer polnischer Einheiten bestimmte Aktionen verübt, um die UPA zu diskreditieren. Überhaupt: Hinter solchen Lügen stünden die Russen, die alles täten um dem Image der Ukraine international Schaden zuzufügen. Seine Aufregung macht deutlich: Eine Kritik an den nationalistischen Ikonen versteht er als Angriff auf sich selbst. Von einer kritischen Aufarbeitung, auch der Schattenseiten der Nationalbewegung ist man hier, in Stary Uhryniw, noch weit entfernt.

Zurück in Lwiw. In einem eleganten Cafe sitzt Tarik Amar, 40, Historiker, Ph.D aus Princeton, Direktor des Zentrums für Stadtgeschichte Ostmitteleuropas, Hochgeschwindigkeitsrhetoriker. Sein Institut will die jungen qualifizierten ukrainischen Historiker im Land halten, ihnen die Chance geben auch in der Ukraine, auf höchstem Niveau als Historiker zu arbeiten. Er sagt: „Ein Problem des neuen Nationalismus ist, dass er das Gedenken als Nullsummenspiel begreift. Platz ist nur für die eigenen Opfer, nicht die der anderen Nationen.“ Der auf die eigene Opferperspektive verengte Blick sei psychologisch vielleicht verständlich, sagt er. Gerade im Westen werde oft vergessen wie verheerend die Ukraine von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts betroffen war. „Doch Intellektuelle sollten diesen Ansatz ablehnen.“ Und zu Bandera: „Er ist kein Symbol der Einheit. Die Ukraine ist ein riesiges Land, physisch schlecht integriert. Sie zu durchreisen dauert ewig. Vielleicht sollten die Leute eher neue Straßen bauen, um die Menschen in West und Ost zu verbinden anstatt eine neue Geschichte zu schreiben, die nicht von allen akzeptiert wird.“

IV.

Tscherkassy. 291.000 Einwohner, gelegen am Dnjepr, der hier zu Sowjetzeiten zu einem gewaltigen See gestaut wurde – das gegenüberliegende Ufer verschwimmt im fernen Dunst von Wasser und Himmelblau.  Gute 150 Kilometer südöstlich (oder stromab) der Hauptstadt Kiew, die hier doch so viel ferner scheint, markiert die Stadt ziemlich genau die geographische Mitte des Landes.

Die Statue „Mutter Heimat“ thront auf dem Hügel der Ehre, gewidmet den gefallenen Sowjetsoldaten – 1943-44 tobte hier eine furchtbare Kesselschlacht, welche die Rotarmisten gewannen – sie überblickt den gewaltigen Strom, nach wie vor Wahrzeichen der Stadt, ständig versammeln sich hier frischgetraute Hochzeitspaare um die obligatorischen Erinnerungsfotos zu schießen. Die Menschen sprechen russisch, ukrainisch, oder einen Mix aus beidem.

Das Lenin-Denkmal vor dem Rathaus wurde im November vergangenen Jahres abgerissen, 17 Jahre nach der Unabhängigkeit, nachts. Einige Leute kamen, protestierten, vor allem ältere Menschen, Rentner. Randaliert wurde nicht.

Die Menschen regen sich über dies und das auf, darüber zum Beispiel, das neuerdings per Gesetz russische Spielfilme ukrainische Untertitel haben müssen („Jetzt tun sie schon so, als ob wir kein russisch mehr verstehen“). Bandera? „Pfui, der war doch ein schlimmer Nationalist.“ Soll heißen: Auf jeden Fall keiner von uns.

Die Erinnerung an den Krieg ist eher pro-sowjetisch: Man gedenkt des großen Sieges über den Faschismus. Die Menschen hier haben eine Art Doppelidentität – sie fühlen sich ganz gewiss als Ukrainer, nicht als Russen, doch der russischen Kultur nach wie vor tief verbunden. Nationalismus ist für sie bis heute das Unwort schlechthin.

V.

Wie also lebt ein Land mit dieser Ambivalenz, seiner widersprüchlichen historischen Erfahrung? Die moderne Ukraine, schreibt der Historiker Andrij Portnow, 30, zeichne sich derzeit durch ihren ganz eigenen Pluralismus aus. Dieser bestehe aus der Wechselwirkung verschiedener Geschichtsbilder, von denen jedes für sich genommen relativ einseitig und autoritär sei. Doch gerade die Existenz mehrerer regionaler Zentren mit jeweils eigener Sicht auf die Geschichte verhindere, dass eines dieser Bilder in der gesamten Ukraine dominieren könne.

Anders gesagt: Die nationalistische Sicht auf die Geschichte bleibt nicht unwidersprochen. Dafür sorgt schon das tendenziell eher pro-sowjetische Geschichtsbild und Gedenken der Menschen im Süden und Osten des Landes. Das Erstaunliche: Beide Seiten scheinen dies zu akzeptieren. Nur vorläufig? Niemand weiß es. Doch am Ende seines langen Vortrags übt sich Portnows Lwiwer Historikerkollege Amar doch noch in vorsichtiger Zuversicht: „Möglicherweise sind die Nationalisten gerade deshalb so aktiv, weil sie merken dass ihnen die Zeit davonläuft. Ihre Art Geschichte zu interpretieren wird durch den demokratischen Diskurs mehr und mehr herausgefordert werden.“

Eine neue Generation junger ukrainischer Historiker ist bereits dabei, die „weißen Flecken“ aus der Landkarte der einseitigen Erinnerungen zu tilgen. „Am Ende“, hofft Amar, „könnten wir alle ein höchst komplexes Bild von unserer Geschichte haben.“

Die Recherche zu diesem Text wurde gefördert von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft.“

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